89 Briefe werden ein Roman

Franz an Lene am 12. Mai 1942 (S. 90)

Bei den meisten Büchern erinnere ich mich nicht daran, wann und warum ich mich für eine bestimmte Form, Erzählstimme und Perspektive entschieden habe. Das ist oft intuitiv, ergibt sich aus ersten Schreibversuchen, manchmal ist es eine Kernszene, die sich aufdrängt und mir den Stil fast vorgibt. In diesem Fall ist es anders. Ich habe den Moment noch genau vor Augen, als diese Entscheidung fiel. Ich saß an einem der PCs in der Bibliothek des NS-Dokumentationszentrums der Stadt Köln und hörte Tondokumente von Zeitzeugen ab. Ich war noch unsicher, wie ich mit dem Thema, dass ich mir vorgenommen hatte, umgehen sollte.

Was ich bis zu diesem Zeitpunkt zu den Edelweißpiraten gelesen hatte, hatte ein eigenartiges Gefühl bei mir hinterlassen. Etwas fühlte sich nicht stimmig an. Biografien, literarische Bearbeitungen, Aufsätze – vieles hörte sich für mich nach einer Heroisierung der Jungen und Mädchen an, die jedoch nicht unbedingt dem Selbstbild dieser unangepassten Jugendlichen entsprach. Ich konnte das ungute Gefühl damit nicht an etwas Konkretem festmachen, erst später bestätigte Dr. Martin Rüther, wissenschaftlicher Mitarbeiter im NSDOK diesen Eindruck und bekräftigte dies auch noch einmal im Nachwort zu meinem Buch:

Die meisten verstanden sich nicht als ausgewiesene Widerstandskämpfer.

Die Entscheidung, einen Briefroman zu schreiben, also die Figuren in einer vermeintlich dokumentarischen, sehr authentischen Form zu Wort kommen zu lassen, fiel, als dieser Zeitzeuge im Interview aus seiner Erzählung heraustrat und forderte, was er weiterhin sage, solle nicht in die zu veröffentlichende Fassung übernommen werden. Man könne das falsch verstehen, denn er habe doch gar nichts gegen die Juden gehabt, aber das hier, das müsse nun einfach gesagt werden. In veränderter Form fand das, was er sagte, Einzug in das Buch (siehe Abb. oben).
Mir war in diesem Moment klar, dass ich Figuren und eine sprachliche Form brauchte, die diese Figuren (auch) in aller Unzulänglichkeit zeigt, ihre Brüche und Ungereimtheiten. Vor allem sollten sie auch unverblümt zeigen, dass sie Kind ihrer Zeit waren. Und dazu gehörte auch der lange eingeübte Antisemitismus, der schon tief in der Zeit vor der Übernahme der Macht durch die NSDAP geschürt worden war. Bei Franz, dem älteren Bruder der Hauptfigur, wird diese Brüchigkeit auch an der Stelle deutlich, an der ihm klar wird, was mit den jüdischen Menschen in den eroberten Gebieten passiert. Gemocht habe er sie nie, sagt er dann, aber das hätten sie nun doch nicht verdient.
Die Figuren sollten ganz und gar aus dem Alltag heraus, so authentisch wie möglich abbilden, was Menschen damals bewegte und prägte. Die Alltäglichkeit von Träumereien über Liebe und Zukunft eines sechzehnjährigen Mädchens sollte direkt neben der Alltäglichkeit des Überlebenskampfes an der Front oder in den bombardierten Städten stehen. Welch eine Herausforderung das für den Autor bedeutete, wurde mir allerdings erst später klar. Dieser authentisch klingenden Stil erforderte nämlich einerseits einen plaudernden, sich durch ganz banale Lebensumstände windenden Tonfall. Andererseits musste aber auch eine Handlung vorangetrieben werden, die zielgerichtet zu den Wendepunkten der Geschichte führt. Den Leserinnen und Lesern verlangt das einiges ab: Anekdoten und Episoden, die zunächst scheinbar nebensächlich sind, verdichten sich an ganz anderer Stelle und manchmal auch im Brief eines anderen erst auf, entwickeln dort dann die volle Kraft.

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