Das Edelweiß war ihr Zeichen

Edelweiß-Graffiti am Bahnhof Ehrenfeld, Hinrichtungsort von Edelweißpiraten, November 1944 (Foto: priv.)

Die unangepassten Jugendlichen, die besonders im Rheinland als Edelweißpiraten bekannt wurden, waren mit dieser Betitelung nicht alle glücklich. Anfangs benutzten sie selbst die Bezeichnung auch gar nicht, obwohl sie durchaus das Edelweiß als ihr Zeichen ansahen. Den zweiten Teil des Wortes, „Piraten“, hatten ihnen nämlich die nationalsozialistischen Behörden angehängt. Damit sollte zum Ausdruck gebracht werden, dass sie die Mitglieder dieser Gruppen als kriminelle, gesetzlose Abweichler betrachteten.
Was wir heute unter dem Begriff Edelweißpiraten verkürzend zusammenfassen, waren in der Zeit des Dritten Reichs vielgestaltige Gruppen und Grüppchen, meistens nicht besonders organisiert, die drei aber Merkmale vereinte:

Sie entzogen sich der HJ, praktizierten eigene Formen jugendlichen Verhaltens und wurden deshalb vom NS-Regime verfolgt.

Das Zitat entstammt der Einführung zur Ausstellung „Von Navajos und Edelweißpiraten – Unangepasstes Jugendverhalten in Köln 1933 – 1945“ des NS Dokumentationszentrum der Stadt Köln (der Link führt zur Online -Dokumentation der Ausstellung). Hier wird diese bunte Bewegung, die eigentlich keine war, in allen Facetten dargestellt. In den 1930er Jahren nannten sich diese Jugendlichen „Navajos„. Obwohl die Herkunft dieses Namens nicht zweifelsfrei geklärt ist, liegt natürlich nahe, dass dieses zweitgrößte Volk der indianischen Ureinwohner Amerikas als Namensgeber bewusst gewählt wurde: Es symbolisierte das wilde und unangepasste Verhalten dieser oft aus der bündischen Jugend entstammenden Jungen und Mädchen.
Ende der 1930er Jahre rückt dann das Edelweiß in den Vordergrund. Diese Blume hat eine starke Symbolkraft: Sie steht für Liebe und Treue, sie ist selten und vor allem schwer zu erreichen. Man muss sich anstrengen, hoch in die Berge steigen, um sie zu finden. Die Berge, die Alpen als ferner Ort, über den Spitzen der Felsen nur noch der Himmel – die Freiheit. Dies waren für viele dieser Jugendlichen Sehnsuchtsorte. Und titelgebend für mein Buch.

Uniformierte Hitlerjungen im Gleichschritt (Foto: NSDOK, Köln)

Auf große Fahrt gehen, ins Gebirge und auch ans Meer, mit Gitarre, Mundharmonika oder „Quetschkommode“, wie das Akkordeon auch bezeichnet wurde – das gehörte zu den Träumen der jungen Menschen, die unter dem NS-Regime immer eingesperrter und reglementierter fühlten und es auch waren. Da solche großen Fahrten oft nicht möglich waren, suchten die Gruppen sich Ersatz und zogen so oft es ging am Wochenende los zu Wanderungen ins Oberbergische, den Westerwald oder die Eifel.
Ihre Zeichen, Symbole und ihre Kluft spiegelten diesen Freiheitsdrang wieder, auch wenn sie uns aus heutiger Sicht ein wenig altmodisch vorkommen: Die an die Trachten der Alpenregionen angelehnten Kleider, zum Beispiel auch das Berchtesgadener Jäckchen, das Rosi ihrer Freundin schenkt, die Lederhosen und karierten Hemden der Jungen, das Edelweiß und so weiter. Diese Kluft unterschied sie deutlich vom Stil, der in der Hitlerjugend und im Bund Deutscher Mädel gepflegt wurde. Sie machte auf den ersten Blick sichtbar, dass man sich abgrenzen wollte.

Foto: Wikipedia

Mich hat das bei den Recherchen besonders beeindruckt: Es handelte sich durchaus nicht um versteckte, konspirative Kreise. Jeder konnte sie sehen, je weiter der Krieg voranschritt, desto deutlicher wurde es, weil die Zahl solcher Jugendlicher immer weiter anwuchs. Da immer mehr Menschen in der von den Bombern zerstörten Stadt ihre Bleibe verloren, sammelten sie sich oft vor den öffentlichen Bunkern, manchmal hunderte von ihnen. Es stellt sehr in Frage, was später nach dem Krieg zu einem Narrativ des Augen zu und durch wurde: „Was sollte man denn schon tun?“
Auch wenn längst nicht alle unangepassten Jugendlichen dieser Zeit Widerstandskämpfer waren, so haben sie doch gezeigt, dass man sich nicht unwidersprochen und restlos einfügen musste, auch wenn es ein totalitäres und im höchsten Maß repressives Regime war.

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s