Mädchen finden nicht statt

Foto: NSDOK KölnMülheimer Edelweißpiraten 1943 am Drachenfels

Widerstand gegen den Nationalsozialismus ist männlich. Dieser Eindruck entsteht schnell, wenn man sich mit den Personen und Gruppen beschäftigt, die es wagten „dagegen“ zu sein oder sich zumindest nicht bedingungslos der nationalsozialistischen Ideologie und ihren schrecklichen Folgen zu unterwerfen. Es ist aber ein falscher Eindruck und mir war schnell klar, dass ich mit meiner Geschichte den Blick auf die Frauen oder Mädchen werfen wollte.

Quelle: NSDOK Köln – Unangepasste beim „Kleidertausch“ bei einer Fahrt im Bergischen, 1941 

Denn eines fällt sofort auf: Wenn man in die Bildarchive schaut, findet man gerade bei den Edelweißpiraten oft fast genauso viele Mädchen wie Jungen auf den Gruppenfotos von Wochenendfahrten und Wanderungen. Einige Freiheiten, die sich die Jugendlichen damals nahmen, würden sogar heute noch manch einem sauer aufstoßen, wie zum Beispiel der Klamottentausch von dem Lene im Brief an Rosi vom VVV berichtet. Auch diese Episode beruht auf einer wahren Geschichte (siehe Abb.).
Richtig ist, dass über die Frauen im Widerstand (die einzige Ausnahme ist Sophie Scholl, eine der zentralen Akteurinnen der Weißen Rose) weniger geforscht und weniger berichtet wurde. Es gibt auch viel weniger überlieferte Dokumente dazu, weil Frauen und ihre Netzwerke von der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) und den Justizbehörden im Dritten Reich oft nicht wirklich ernstgenommen wurden. Dr. Martin Rüther vom NS Dokumentationszentrum Köln schreibt dazu im Nachwort des Buches:

Freie und selbstbestimmte Sexualität war im NS-Staat, der nur die heterosexuelle Partnerschaft »arischer« Deutscher zuließ, ein Tabu; sexuelle Kontakte hatten der »Volksgemeinschaft« und daher der Zeugung möglichst vieler »arischer« Kinder zu dienen. Die Frau wurde auf die Funktion als Mutter und »Kameradin« des Mannes reduziert. (…) Die Hitlerjugend (…) war streng nach Geschlechtern getrennt. (…) So ist es wenig erstaunlich, dass sich die meisten unangepassten Jugendlichen in gemischten Gruppen zusammenfanden. (…) Und selbst ausgesprochene Jungengruppen, die wie der Kölner »Klub der Edelweißpiraten« per »Satzung« eine Mitgliedschaft von Mädchen ausschlossen, stellten ausdrücklich fest: »Das Mädel gehört zum Fahrtenjungen. Er aber auch zu ihr.« (…) Für die meisten Mädchen bot die Teilhabe am Gruppengeschehen die erste Gelegenheit fern von gesellschaftlichen Zwängen Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht zu sammeln. Aber gerade ihr öffentliches Auftreten als nichtkonforme junge Frauen widersprach völlig dem Mädchen- und Frauenbild des Nationalsozialismus: Anstatt sich zu Hause und im BDM auf ihre Rolle als Hausfrau und Mutter vorzubereiten, entschieden die Mädchen in den unangepassten Jugendgruppen selbst über ihre Kleidung, ihre Freizeitaktivitäten und ihre Freunde.

Das Mädel gehört zum Fahrtenjungen.
Er aber auch zu ihr.

Durch die damit zwangsläufig verbundene Ablehnung des weithin akzeptierten »offiziellen« Frauenbilds standen sie stets unter großem öffentlichen Druck. Die damalige Stigmatisierung und die damit verbundene gesellschaftliche Abwertung wirkten bis ins 21. Jahrhundert fort, weshalb sich nur wenige Zeitzeuginnen bereitfanden, über ihre Zeit als Edelweißpiratinnen zu berichten. Daher ist bis heute nur wenig über die Motive der Mädchen und ihre Rolle innerhalb der Gruppen bekannt. Zudem betrachtete der NS-Verfolgungsapparat unangepasste Mädchen – ganz im damaligen Frauenbild gefangen – selten als Akteure. Wenn sie bei Razzien und anderen Aktionen gefasst wurden, verzichtete man auf ihre Inhaftierung oder schickte sie nach einer Ermahnung auf der jeweiligen Polizeiwache direkt wieder nach Hause. Dementsprechend dürftig sind die Informationen über Mädchen in den Akten von Gestapo und Justiz.

Wenn du dich für das Thema „Frauen im Widerstand interessierst, hier ein Buchtipp: Frauke Gecken: »Wir standen nicht abseits – Frauen im Widerstand
gegen Hitler«
(Verlag C.H.Beck)

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