Kriegskinder – meine Mutter

Sonntagsspaziergang, Köln 1942 (von links: meine Großmutter, meine Mutter und mein Großvater)

In jedem Buch versteckt sich ein wenig von dir selbst. Oft ist es für niemand erkennbar oder nur deiner Mutter fällt es auf, weil sie ihren Sohn einfach am längsten kennt, auch viele seiner Geheimnisse, viele der Geschichten und Geschichtchen, die sich vielleicht nur Mütter merken. Manches Mal nimmt sie mich dann beiseite und sagte mit verschmitzter Miene: „Ich habe dein neues Buch gelesen, diese eine Sache dort, die verstehe nur ich!“

In diesem Buch findet sie einige solcher Passagen, aber sie wird feststellen, dass es Episoden aus ihrem Leben, aus dem Leben ihrer Geschwister und aus dem meines Vaters und seiner Familie sind. Keine der Figuren entspricht einer wahren Person, sie sind reine Fiktion, auch wenn einige der Details und Vorkommnisse sich tatsächlich so ereignet haben.
Meine Mutter, Jahrgang 1938, und mein Vater, 1931 geboren, sind sogenannte Kriegskinder. Sie haben die wichtigsten Jahre ihrer Kindheit und Jugend im Krieg verbracht. Nicht alles haben sie sehr bewusst erlebt, aber es ist trotzdem eine überaus prägende Zeit gewesen, deren teils traumatische Erfahrungen auch über 80 Jahre später noch fortwirken – nicht nur in ihrem eigenen Leben, sondern auch in dem ihrer Kinder und wahrscheinlich auch ihrer Kindeskinder.
So erinnere ich mich noch gut daran, wie nervös meine Mutter wurde, wenn in unserem Dorf die Feuerwehrsirene losheulte. Da lag der Krieg schon 20 Jahre zurück, sie hatte schon zwei Söhne und eine Tochter geboren, mit meinem Vater ein Haus gebaut. Aber ihre Erfahrungen als Mädchen, das mit sieben Jahren bereits zweimal ausgebombt worden war, hatten sich tief in ihre Seele gegraben. Essen zu verschwenden, ist heute noch eine Sünde, denn sie selbst hat im Krieg und in den Nachkriegsjahren gehungert. Trotzdem oder gerade deswegen aß sie selbst oft wie ein Spatz. „Gute Butter“ und „echter Bohnenkaffee“ statt der Ersatzfette und des Getreidekaffees, genannt Muckefuck, standen nun hoch im Kurs und es wurde sparsam damit umgegangen.

Manches Mal nimmt sie mich dann beiseite und sagte mit verschmitzter Miene: „Ich habe dein neues Buch gelesen, diese eine Sache dort, die verstehe nur ich!“
In diesem Buch findet sie einige solcher Passagen, aber sie wird feststellen, dass es Episoden aus ihrem Leben, aus dem Leben ihrer Geschwister und aus dem meines Vaters und seiner Familie sind. Keine der Figuren entspricht einer wahren Person, sie sind reine Fiktion, auch wenn einige der Details und Vorkommnisse sich tatsächlich so ereignet haben.
Meine Mutter, Jahrgang 1938, und mein Vater, 1931 geboren, sind sogenannte Kriegskinder. Sie haben die wichtigsten Jahre ihrer Kindheit und Jugend im Krieg verbracht. Nicht alles haben sie sehr bewusst erlebt, aber es ist trotzdem eine überaus prägende Zeit gewesen, deren teils traumatische Erfahrungen auch über 80 Jahre später noch fortwirken – nicht nur in ihrem eigenen Leben, sondern auch in dem ihrer Kinder und wahrscheinlich auch ihrer Kindeskinder.
So erinnere ich mich noch gut daran, wie nervös meine Mutter wurde, wenn in unserem Dorf die Feuerwehrsirene losheulte. Da lag der Krieg schon 20 Jahre zurück, sie hatte schon zwei Söhne und eine Tochter geboren, mit meinem Vater ein Haus gebaut. Aber ihre Erfahrungen als Mädchen, das mit sieben Jahren bereits zweimal ausgebombt worden war, hatten sich tief in ihre Seele gegraben. Essen zu verschwenden, ist heute noch eine Sünde, denn sie selbst hat im Krieg und in den Nachkriegsjahren gehungert. Trotzdem oder gerade deswegen aß sie selbst oft wie ein Spatz. „Gute Butter“ und „echter Bohnenkaffee“ statt der Ersatzfette und des Getreidekaffees, genannt Muckefuck, standen nun hoch im Kurs und es wurde sparsam damit umgegangen.

Das Haus meiner Großeltern in Köln-Ehrenfeld nach einem Luftangriff 1943

Als meine Großmutter in den letzten Kriegsmonaten endlich Köln verlassen und nach Detmold in Westfalen mit meiner Mutter und dem zweitjüngsten, gerade geborenen Kind fliehen konnte, holte sie auch dort der Luftkrieg ein. Bei einem erneuten Angriff, rannten sie aus dem brennenden Haus auf die Straße. Weil meine Großmutter auf der Straße bemerkte, dass sie den Talisman, den mein Großvater ihnen gegeben hatte, im Haus gelassen hatte, rannte sie zurück. Ein halbes Ei aus Bimsstein, das Unterpfand des Schwures, dass sie diesen Krieg überleben würden. Die andere Hälfte trug nämlich ihr Mann in der Ferne bei sich.
Meine Mutter, zu diesem Zeitpunkt gerade 6 Jahre alt, stand mit meiner Tante Ingrid im Arm wartend da, Passanten glaubten, sie seien verlorene Kinder, nahmen sie mit. Erst Tage später, fast wahnsinnig vor Angst umeinander, fanden sich alle wieder. Wenige Monate später wird Großmutter, nun von den amerikanischen Besatzern, wegen der illegalen Schlachtung eines Schweins zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Meine Mutter, gerade im ersten Schuljahr, wird auf einen Bauernhof gegeben, zu Menschen, die sie nicht kennt, in deren Spülküche sie arbeiten muss: „Ich durfte mich mit der Familie essen, bekam meinen Teller im Vorratsraum.“ Ihre älteren Schwestern Leni und Toni waren zu diesem Zeitpunkt schon zur Adoption zu Verwandten gegeben worden.
Es gibt mittlerweile Forschungsprojekte und Veröffentlichungen dazu, was das Erleben dieser Zeit in den nachfolgenden Generationen bewirkt hat. Interessant und gut lesbar aufgearbeitet hat dies zum Beispiel die Autorin Sabine Bode in ihren Büchern (Die vergessene Generation und Kriegsenkel im Klett-Cotta Verlag).
Was es für mich persönlich bedeutet, weiß ich nicht mit Sicherheit. Verinnerlicht habe auch ich einen sehr typischen Zug dieser Generation: Man wirft kein Brot weg.

1 Kommentar zu „Kriegskinder – meine Mutter“

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