Wer es selbst erlebt hat – Zeitzeugen

Gertrud „Mucki Koch, Graffiti Bahnhof Köln Ehrenfeld, Gedenkstelle für die 1944 ermordeten Edelweißpiraten

Für den Roman waren die Erzählungen und Niederschriften von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen von besonderer Bedeutung. Sie lieferten den ganz alltäglichen Blick auf das, was uns Geschichtsbücher und historische Abhandlungen in den großen Zusammenhang setzen. Es sind diese individuellen und authentischen Details, die der Fiktion eines Romans das „Fleisch“ verschaffen, die die erfundene Erzählung echt und wahrhaftig klingen lassen. Der Umgang mit solchen Quellen braucht jedoch einiges an Feingefühl und Vorsicht. Je größer der Abstand zum Erlebten ist, desto stärker sind Einflüsse von Dritten, die allgemeine, gesellschaftliche Betrachtung und nachträgliche Einordnung eines Themas für die Erinnerungen von Bedeutung. Das Gedächtnis schlägt uns ein Schnippchen oder Teile, uns vielleicht in der Nachbetrachtung unliebsame Episoden fallen der Verdrängung zum Opfer – durchaus ohne bösen Willen und manchmal vielleicht sogar als Überlebensstrategie.

In der Geschichtsschreibung wird die Oral History als Methode betrachtet, zunächst in den USA, seit den 1970er Jahren auch in Deutschland. „Allerdings beruhen die Berichte in Interviews auf einem oft jahrzehntelangen Verarbeitungsprozess, der von der individuellen Biografie, von gesellschaftlichen Erinnerungskulturen und von der konkreten Interview-Situation beeinflusst wird. Daher sind mündliche Erinnerungen manchmal weniger verlässlich als schriftliche Dokumente.“ (Zitat: Bundeszentrale für politische Bildung)
Solche Berichte erzeugen unter Umständen ein hohes Maß an Mitgefühl: Für mich war das eine der „Falllen“, in die ich manchmal zu tappen drohte. Besonders, wenn es um die vielen Erzählungen über den Bombenkrieg ging, rutsche ich oft ins pure Mitleid mit den armen geschunden Menschen in den Städten. Glücklicherweise belehrte meine Hauptfigur Lene mich dann, dass bei allem Leid auch immer die Frage nach der Verantwortung und nach den Ursachen für diese Schläge zu stellen ist. Und danach, bei welch vielen Gelegenheiten Wegsehen und Hinnehmen der Dinge ebenso zum mörderischen System gehörten, wie die aktive und bewusste Teilnahme an der Ausgrenzung und schließlich der Vernichtung derer, die laut Ideologie unwertes Leben darstellten.

Auf Spurensuche in der eigenen Familie

Ein Gefühl für den Umgang mit Zeitzeugen als Quelle bekam ich schon ganz zu Beginn meiner Recherchen, in denen ich mich intensiv mit der Lebensgeschichte von Gertrud „Mucki“ Koch, geb. Kühlem, beschäftigte. Gertrud Koch (die auch als Mucki in Lenes Briefen Erwähnung findet) ist eine der wichtigsten Zeitzeuginnen aus den Gruppen der Edelweißpiraten.
Es finden sich zu den Mädchen innerhalb der unangepassten Jugendlichen nur wenige Dokumente oder Beiträge der Oral History. Ein Grund dafür ist wahrscheinlich, dass es auch nach dem Krieg für die jungen Frauen als rufschädigend betrachtet wurde, wenn sie sich in diesen Zusammenhängen bewegt oder gar eine wichtige Rolle gespielt hatten. Auch Gertrud Koch hat erst recht spät damit begonnen, über ihre Erlebnisse in dieser Zeit zu berichten. Als schon recht betagte Dame trat sie dann jedoch immer häufiger und mit großem Eifer als Zeitzeugin auf, besuchte Schulen, gab Interviews und veröffentlichte eine Biografie.
Ich habe viel von und über sie gelesen und bald fiel mir auf: Es gibt sehr unterschiedliche Varianten über einige Episoden ihrer (so oder so) eindrucksvollen Biografie. Zum Beispiel über ihren Aufenthalt in der Abtei Brauweiler. Die ehemalige Abtei war eine berüchtigte Außenstelle der Kölner Gestapo, zeitweise wurde dort auch Konrad Adenauer, der von den Nazis abgesetzte Kölner Oberbürgermeister und später erste Bundeskanzler der BRD, inhaftiert.
Vor allem, wie Mucki von dort entkam, wurde von ihr selbst sehr unterschiedlich dargestellt. Dies ist ein Detail, es ist auch nicht weiter wichtig, aber natürlich runzelt sich an solchen Stellen die Stirn und dahinter arbeitet die Frage: Was soll ich nun glauben?
Solche Abweichungen stellen die große Bedeutung der Oral History für ein komplettes und von allen Seiten beleuchtetes Bild der Geschichte jedoch in keiner Weise in Frage. Gerade die Gräuel des Nationalsozialismus ließen sich ohne die Zeitzeugenberichte kaum aufklären.

Eine Einrichtung wie das NS Dokumentationszentrum der Stadt Köln leistet diesbezüglich eine ganz besondere Arbeit. Hier werden heute noch viele Selbstzeugnisse aus der Zeit des Dritten Reichs gesammelt, transkribiert und der Öffentlichkeit sowie der Forschung im Original in den Archiven des EL-DE-Hauses oder auch in digitalisierter Form zur Verfügung gestellt. Dieser Prozess geht immer weiter und jeder, der vielleicht im Nachlass seiner Eltern oder Großeltern Dokumente, Briefe, Tagebücher, Fotos, Fahrtenbücher usw. findet, sollte sie nicht entsorgen, sondern zuerst dem NS DOK anbieten.
Besonders eindrucksvoll ist es übrigens, tatsächlich die Stimmen der Zeitzeugen zu hören. Im Projekt „Erlebte Geschichte“ wurden diese Tondokumente gesammelt und online gestellt. Hier findet sich auch ein Interview mit Gertrud Koch sowie mit vielen anderen Männern und Frauen die in den 1920er bis 1940er Jahren geboren wurden. Recht selten haben sich in solchen Interviews natürlich die flammenden Anhänger der Nazis zu Wort gemeldet.
Ein Ausnahme bildet hier Edgar Gielsdorf. Der Einfluss des Vaters und eines antisemitischen Lehrers machen ihn schon als Kind zu einem Anhänger der Nazis, sehr viel später distanziert er sich und beginnt darüber zu reden und zu schreiben, was für ihn so faszinierend an dieser Ideologie war. Wie Gertrud Koch besuchte Gielsdorf bis zu seinem Tod im Jahr 2004 Schulen und stand Rede und Antwort.

In den Editionen zur Geschichte findet sich eine Vielzahl von Dokumenten und Selbstzeugnissen, jedes für sich manchmal kleine, manchmal große, oft erschütternde Erzählungen. Sie helfen uns oft, das Damals besser zu verstehen. Ein neues, recht kleines Dokument wurde vor wenigen Tagen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht: die beiden Tagebücher der Maria Etheber aus den Jahren 1942 – 1943, ein Nippeser Mädchen wie Lene. Es geht unter die Haut, wie die anfangs 12-Jährige noch unbeholfen vom Kinderalltag berichtet, Weihnachten naht, die Geschenke, die Sehnsüchte, die Geschichtchen aus der Familie. Bald sind wir mit ihr mitten im Grauen eines Krieges. Ganz am Rande und nebenbei erzählt sie auch von einem der Angriffe Anfang 1943, der in „Wo die Freiheit wächst“ den Schlusspunkt setzt.

Lieselottes Oma ist während des Alarms gestorben, denn in Kleins Küche war eine Brandbombe gefallen, die aber nicht viel angerichtet hat. Durch den Schrecken ist die Oma dann im Keller verschieden. Schluß. Nachsatz. Herr Arnolds ist auch gestorben.

(zur Originalabbildung des Tagebucheintrags von Maria Etheber, NS DOK Köln)

Übrigens, bei den manchmal alltäglichen und vielleicht sogar langweiligen Geschichten des eigenen Lebens, fallen einem die Schnippchen, die die Erinnerung uns schlagen kann, oft nicht auf. Mich führte das Gedächtnis in einer Episode, die durchaus nicht unwichtig für dieses Buch war, an der Nase herum: Den Brief meiner Großmutter an meinen Onkel Otto, dem das Buch gewidmet ist, habe ich in meiner Erinnerung auf dem Speicher des Hauses meiner Eltern gefunden. Ich war felsenfest davon überzeugt, dass es so war. Dort oben habe ich oft (verbotenerweise) herumgestöbert. Ich kann die warme, trockene Luft noch riechen, habe das Dämmerlicht und die feinen Staubkörner in den Sonnenstrahlen, die durch das kleine Dachfensterchen hineinfielen, noch sehen. Und die Gänsehaut bei diesem geheimnisvollen und etwas gruseligen Fund spüre ich noch auf der Haut.
Aber dieser Brief lag niemals dort, das schwört meine Mutter.
Er war immer schon im Besitz von Tante Margarete, die 20 Kilometer entfernt wohnte und auf deren Dachboden ich garantiert niemals gewesen bin. Warf da schon der fantasiebegabte Autor, der es versteht, Geschichten den richtigen Klang zu geben, seine Schatten voraus?

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s