Ausgerechnet ein Briefroman!?

Der Versuch beim Schreiben den Überblick zu bewahren.

Ausgerechnet ein Briefroman – das ist aber speziell!“, hab ich sogar selbst am Anfang gedacht, aber trotzdem fühlte sich diese Entscheidung richtig an. Der Text sollte wie aus dem Leben gegriffen wirken, eine direkte und ungeschminkte Wirklichkeit erzeugen, authentisch, fast dokumentarisch klingen. Dabei sollte er auch Raum für Gefühle und Gedanken haben, die uns – mit dem Abstand von mehreren Jahrzehnten – fremd sein könnten, die wir sogar ablehnen und bestenfalls aus dem Kontext des Zeitgeschehens an uns heranlassen würden. Beim Schreiben und später auch für die Leserinnen und Leser ein besonders hohes Maß an subjektivem Empfinden zu entwickeln, darum ging es mir und genau das kann ein Briefroman. 

Ungeschminkt heißt dabei auch, dass jegliche Möglichkeit eines Kommentars, einer Autorenstimme ausgeschlossen werden sollte. Das ist zwar auch durch andere erzählerische Formen zu erreichen, der Briefroman verlangt dies jedoch in besonderer Weise und deckt sofort auf, wenn der Autor das Prinzip durchbricht.
Gleichzeitig eröffnet eine Geschichte Freiheiten, wenn sie in Briefen erzählt wird. Nicht die Erzählkunst eines Romanautors präsentiert sich, vielmehr schreiben Menschen wie ihnen die Schnauze gewachsen ist, unzulänglich, vielleicht sprunghaft und oft auch unzuverlässig. Dies künstlich herzustellen ist eine Herausforderung.
Da ich auf eine übergeordnete Instanz – einen „Herausgeber“ der Briefe – verzichtet habe, begegnen wir mit Lene, ihrer Freundin Rosi, ihren Brüdern Franz und Kalli und schließlich ihrem Geliebten Erich Akteuren, von denen keiner das gesamte Geschehen kennt. Keiner von ihnen kann es als Gesamtheit einordnen, wie es ein rückblickender Erzähler könnte.
Wenn Lene und die anderen berichten, haben sie Dinge erlebt oder aber nur beobachtet. Wenn sie verschiedenen Adressaten über einzelne Ereignisse berichten, kommt bei diesen nicht immer ein und dieselbe Wahrheit an.Wer einen Brief schreibt, denkt auch immer  die mögliche Reaktion des Gegenübers mit, zumindest teilweise. Selbst eine harmlos klingende Postkarte enthält – oft unausgesprochen – etwas, das der oder die Schreibende beim Empfänger erreichen will. Es handelt sich also selten nur um ganz harmlose Berichte, mit dem der Adressat auf dem Laufenden gehalten wird.

Schreib Mutti nichts davon!

Es wird ein virtuelles Netz über weite Räume gesponnen, in dem sich manchmal auch andere verfangen sollen. Deutlich wird dies in den ausdrücklichen Forderungen, wie „Schreib Mutti nichts davon!“ oder wir erleben es nur als Leser, die wir den gesamten Überblick über die verschiedenen „Versionen“ haben, die über ein Ereignis geliefert werden: Während im Brief an Freundin Rosi ausführlich vom gemeinsamen Ausflug mit Erich aufs Land zu den kleinen Schwestern berichtet wird, wird der junge Mann im Bericht an den Bruder Franz mit keinem Wort erwähnt.
Zur Vorbereitung und später auch während des Schreibprozesses habe ich unzählige Briefe und Postkarten aus der damaligen Zeit gelesen, im Original oder transkribiert, um mir den Klang anzueignen, ein Gefühl für die „Stimmen“ der Menschen im Krieg zu bekommen.

Eine besondere Herausforderung war, den historischen Kontext ohne allzu viele explizite Erläuterungen auch für einen heutigen Leser verständlich zu machen. Eine Briefschreiberin 1942 erklärt natürlich kaum im Nationalsozialismus gängige Begrifflichkeiten oder Personen, weil diese seit neun Jahren zur damaligen Alltagswelt gehörten. In der ersten Fassung hatte das Manuskript über 200 Fußnoten, die bis zur Endfassung noch so bearbeitet werden mussten, dass sich das nötige Faktenwissen entwickelte, ohne dabei erklärend zu wirken. In ausführlichen Gesprächen mit der Lektorin Kerstin Kipker wurde dann entschieden, an welchen Stellen der wahre Hintergrund versteckt bleiben müsste, nur noch zwischen den Zeilen erscheinen würde oder sich dem Leser nur eröffnete, wenn er über das Hintergrundwissen verfügt: Wer zum Beispiel nicht weiß, was in den Euthanasie-Programmen der Nazis mit geistig oder körperlich behinderten Menschen passiert ist, erahnt höchstens, über was Lene in der Episode mit Onkel Willis Tod berichtet. In diesem Fall ist es „nur“ eine traurige Episode. Wer die ganze Wahrheit kennt, weiß, dass es eine der vielen menschliche Katastrophen dieser Zeit ist.

Briefromane haben eine lange Tradition, die große Zeit dieser Gattung lag im 18. Jahrhundert mit Werken wie Die Leiden des jungen Werthers von Johann Wolfgang von Goethe (1774) oder Sophie von la Roches Fräulein von Sternheim (1771) oder Gefährliche Liebschaften des Franzosen Cholderlos de Laclos (1772).  Zwischen 1740 und 1800 wurden in Europa 700 Briefromane veröffentlicht, was nicht zuletzt damit zusammenhing, dass es in dieser Zeit eine sehr lebhafte Briefkultur gab.
Auch in der Zeit, in der Wo die Freiheit wächst spielt, waren Briefe der oft einzige Weg, um Familien und Freundeskreise, die durch Krieg, Evakuierung, Kinderlandverschickung, Verschleppung oder Flucht auseinandergerissen wurden, nicht völlig zerbrechen zu lassen. Auch deshalb passt die Form zum Inhalt des Buches.
Heute wird diese Form eher selten gewählt, oft in Form von E-Mail-Romanen wie bei Daniel Glattauer in Gut gegen Nordwind oder Cecelia Ahern in Für immer vielleicht.

Mehr zum Thema Briefroman findest du hier: 89 Briefe werden ein Roman

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