Große Freiheit auf kleiner Fahrt

Auszug aus Traudel Stroscheids Fahrtenbuch 1939-1946; Traudel konnte (wie Lene im Roman) Schreibmaschine schreiben und tippte ihre Berichte akkurat ab.
(Quelle: NS Dokumentationszentrum der Stadt Köln)

Für uns ist es heute kaum noch nachzuempfinden, dass eine Wanderung durch das Siebengebirge zum Inbegriff von Freiheit werden könnte. Für die Edelweißpiraten der Kriegszeit war es das aber. Solche Wanderungen, gemeinsam mit anderen unangepassten Jugendlichen, die Gitarre vor dem Bauch, Wanderlieder singend, oft auch auf politisch heikle Weise umgedichtet, gehörten zu den wenigen Freizeitbeschäftigungen, die überhaupt noch möglich waren. Das galt besonders, wenn man an den Zeltlagern der Hitlerjugend und des BDM (Bund Deutscher Mädel) keinen Gefallen fand. „Hobbys“ oder Freizeitbeschäftigungen wie wir sie kennen, gab es sowieso kaum, hatte man doch entweder in der Schule, in der Ausbildung oder in Arbeits- und Erntediensten am Aufbau und Erhalt des Reiches mitzuwirken. Seit 1940 war auch durch eine Polizeiverordnung die Bewegungsfreiheit der Jugendlichen stark eingeschränkt.

In der Hitlerjugend herrschte Drill, freie Stunden wurden oft mit weltanschaulichen Schulungen gefüllt, in denen den Kindern und Jugendlichen die nationalsozialistische Ideologie immer und immer wieder eingebläut wurde. Für die Jungen bedeutete das mit dem voranschreitenden Verlauf des Krieges auch immer häufiger, dass solche Freizeiten auch der vormilitärischen Ausbildung dienten. Die Mädchen wurden auf ihre Rolle als Mutter und Hüterin des heimischen Herds vorbereitet, mit dem Ziel, dem Führer Adolf Hitler später viele arische Kinder zu gebären.
Hinzu kam, dass Jugendliche mit jedem Jahr, das der Krieg dauerte, kaum noch freie Zeit hatten, weil sie zu kriegswichtigen Hilfsdiensten herangezogen wurden. Oft mussten sie auch schlichtweg den Müttern und Großmüttern helfen, das Überleben der ganzen Familie zu sichern, weil die Männer an der Front standen.

Jugendliche unter 18 dürfen sich auf öffentlichen Straßen und Plätzen oder an sonstigen öffentlichen Orten während der Dunkelheit nicht herumtreiben.

Polizeiverordnung zum Schutze der Jugend vom 9. März 1940

In dieser Situation kam besonders für die Edelweißpiraten den sogenannten „Fahrten“ eine besondere Bedeutung zu. Hier fanden sie wenigstens für wenige Stunden das Gefühl von Freiheit, das sie sich wünschten: In gemischten Gruppen durch die Wälder streifen, im Zelt oder in Scheunen übernachten, am Lagerfeuer singen – das erleichterte die Seelen und Gemüter, die in den Städten vom Bombenkrieg und von der Angst um die Männer an der Front, später auch vom Hunger und vom puren Überlebenskampf, schwer und bedrückt waren.
Die ganz große Sehnsucht richtete sich für viele auf die „Großfahrten“, weit weg, am liebsten in die Berge. Die Alpen waren ein solcher Sehnsuchtsort, hoch hinauf, dorthin, wo das Edelweiß wächst, dorthin, wo man nur noch den Himmel und die Sonne über sich hat. Sich auf solche Fahrten zu trauen, war nicht ganz einfach unter Umständen auch riskant, weil die Bewegungsfreiheit der Menschen im Krieg stark beschränkt war. Ohne amtliche Reiseerlaubnis konnte man solche Fahrten nicht antreten, per Autostopp gestaltete es sich auch schwierig, weil ach das mittlerweile verboten war.

Auszug aus dem Fahrtenbuch von Hugo Reihn (Quelle: NS Dokumentationszentrum der Stadt Köln, Nachlass Reihn)
Hugo Reihn auf Fahrt (Bild: NS Dokumentationszentrum der Stadt Köln, Nachlass Reihn)

Trotzdem hielt das viele dieser Jugendlichen nicht ab, sich auf den Weg zu machen. Fotodokumente gibt es von solchen kleinen und großen Fahrten viele in den Beständen der Archive. Sehr viel seltener sind die sogenannten Fahrtenbücher oder auch Bücher mit Fahrtenliedern. Solche Kladden gestalteten einzelne Jungen und Mädchen (oft liebevoll mit Zeichnungen oder eingeklebten Bildern) und beschrieben ihre Erlebnisse. Das NS Dokumentationszentrum der Stadt Köln hat nun zwei solcher Fahrtenbücher digitalisiert und transkribiert und stellt sie online zur Ansicht aus. Traudel Stroscheid aus dem Bergischen Land (Fahrtenbuch hier) und Hugo Reihn aus Leichlingen (Fahrtenbuch hier) waren auch gemeinsam unterwegs. Hugo Reihn hinterließ auch ein eigenhändig angefertigtes Liederbuch.
Übrigens: Solche Dokumente schlummern noch heute in Kisten auf Dachböden und in Kellern. Wenn ihr sie findet, vernichtet sie nicht, sondern bietet sie dem NS Dokumentationszentrum an. Dort werden solche Nachlässe gesichtet und ggf. gerne archiviert.
An dieser Stelle auch noch einmal vielen Dank an das NS Dokumentationszentrum, das mir für diesen Blog die Abbildung der Dokumente erlaubt hat.

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